Barrierefreiheit betrifft uns alle
Vielleicht haben Sie jemanden im Bekanntenkreis, der im Rollstuhl sitzt, auf eine Gehhilfe angewiesen ist oder einen Kinderwagen benötigt. Vielleicht haben Sie selbst schon erlebt, wie schnell man durch einen Unfall oder eine Operation plötzlich eingeschränkt ist. Oder Sie haben Eltern, für die Treppen zunehmend zur Hürde werden.
Barrierefreiheit ist kein Sonderfall. Sie ist Alltag. Und zwar für immer mehr Menschen – sei es dauerhaft oder nur für eine begrenzte Zeit.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Zwar ist Barrierefreiheit gesetzlich verankert, doch zeigt die Realität immer wieder: Nicht jeder „barrierefreie“ Aufzug erfüllt auch tatsächlich die Bedürfnisse seiner Nutzerinnen und Nutzer.
Einige typische Probleme, die in der Praxis auftreten:
- Enge Vorräume oder ungünstige Türanordnungen verhindern das Rangieren mit dem Rollstuhl.
- Bedienelemente sind zu hoch angebracht – und damit für Rollstuhlfahrende unerreichbar.
- Es fehlen akustische Etagenansagen oder visuelle Kontraste auf den Tastern.
- Das Zusammenspiel zwischen Aufzug und Gebäudeumfeld wird zu wenig beachtet.
Diese Defizite entstehen selten aus bösem Willen. Meist fehlt es an Wissen – oder an der rechtzeitigen Abstimmung in der Planung. Genau hier liegt der Schlüssel: Barrierefreiheit braucht Fachexpertise.
Was die Norm fordert – und warum das nur der Anfang ist
Für barrierefreie Aufzüge gilt in Europa die Norm EN 81-70. Sie definiert, wie ein Aufzug gestaltet sein muss, damit er von Menschen mit Behinderung sicher und selbstständig genutzt werden kann.
Zu den wichtigsten Anforderungen gehören:
- Mindestmaße der Kabine, damit auch ein Rollstuhl samt Begleitperson hineinpasst
- Türbreite von mindestens 900 mm
- Einbau eines Spiegels, damit Rollstuhlnutzende rückwärts ausfahren können
- Handläufe in der Kabine
- Taster in gut erreichbarer Höhe (zwischen 85 und 110 cm)
- Taktil und kontrastreich gestaltete Bedienelemente
- Akustische und visuelle Signale, z. B. Sprachansagen oder Lichtpfeile
Die Norm gibt klare technische Leitplanken – doch sie beantwortet nicht jede Frage. Sie sagt zum Beispiel nicht, wie der Vorraum zum Aufzug beschaffen sein sollte, wie Alltagssituationen sich anfühlen oder was passiert, wenn mehrere Menschen mit Einschränkungen gleichzeitig unterwegs sind.
Deshalb gilt: Die Norm ist das Fundament – aber echte Barrierefreiheit beginnt mit der Frage: „Würde ich hier jederzeit alleine zurechtkommen?“
Technisch richtig – menschlich gedacht
Was auf dem Papier barrierefrei wirkt, kann in der Realität schnell zur Barriere werden. Eine Tür kann normgerecht sein – aber trotzdem zu schmal für einen Elektrorollstuhl. Ein Spiegel kann korrekt montiert sein – aber durch eine unüberlegte Position unbrauchbar sein.
Barrierefreiheit beginnt mit Empathie für Situationen im realen Leben. Sie entsteht, wenn man sich in die Perspektive anderer hineinversetzt: Wie fühlt es sich an, mit einem Rollstuhl rückwärts aus der Kabine zu fahren? Wie intuitiv sind die Taster bedienbar, wenn man schlecht sieht oder nur eine Hand frei hat?
Planung mit Weitblick
Wenn barrierefreie Lösungen gut geplant sind, wirken sie selbstverständlich. Sie fügen sich in die Architektur ein, ohne aufdringlich zu sein. Sie helfen – ohne zu belehren.
Damit das gelingt, braucht es zwei Dinge:
- Frühzeitige Einbindung technischer Fachplaner – z. B. aus der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA). Denn sie wissen, wie sich normative Anforderungen in funktionierende Konzepte übersetzen lassen.
- Den Mut, über die Norm hinauszudenken. Ein Aufzug ist nicht barrierefrei, weil es irgendwo steht. Er ist es, wenn er funktioniert – für alle.
Fazit: Mehr als nur eine Norm
Barrierefreiheit ist mehr als ein Prüfpunkt auf einer Checkliste. Sie ist eine Haltung. Wer baut oder plant, trägt Verantwortung – dafür, dass Gebäude Menschen einladen und nicht ausgrenzen.
Gerade beim Aufzug ist das entscheidend: Er ist oft das Verbindungsglied zwischen drinnen und draußen, zwischen Erdgeschoss und Alltag, zwischen Zuhause und Partizipation.
Lassen Sie uns ihn so gestalten, dass er niemanden zurücklässt.